Abenteuerliche Reisen in vergangene Zeiten? Phantastische Entdeckungen in fremden Welten? Ausstellungen zur Geschichte sind allenthalben Besuchermagnete: Tutanchamuns Grabschätze, farbige Rekonstruktionen griechischer Tempel, die Alamannen, Franken, Awaren, ... Historische Romane haben wieder Hochkonjunktur, seit alle Welt Umberto Ecos "Der Name der Rose" verschlungen hat. Im Fernsehen erfreut sich Geschichte großer Beliebtheit; vor allem Sendungen über das Dritte Reich haben Hochkonjunktur: Hitlers Helfer, Hitlers Feldherren, Hitlers Frauen, Hitlers Hunde, ...
Und in der Schule? Ödes Pauken endloser Daten? Also Faktenwissen, das es einem ermöglicht mitzureden, teilzunehmen an den Relikten bildungsbürgerlichen Gesprächs, das wir "small talk" nennen. Oder Fortsetzung des Fernsehens à la Guido Knopp? Also Unterhaltung, verblüffend und effektvoll, spannend, doch letztlich folgenlos. Beide Erwartungen werden an das Schulfach Geschichte herangetragen. Und beiden Erwartungen kann und will es nicht nachkommen - zumindest nicht so, wie beschrieben.
Man könne aus der Geschichte lernen, heißt es immer wieder, wenn die Beschäftigung mit ihr gerechtfertigt werden soll. Doch im Gegensatz zum griechischen Geschichtsschreiber Thukydides sehen wir die Geschichte nicht mehr als eine Wiederholung des immer Gleichen an. Wie dann aus Geschichte lernen?
Geschichte, historische Erinnerung und Überlieferung, entfaltet in den Köpfen vieler Menschen vielfältige Wirkungen, zeitigt unterschiedliche Folgen. Geschichte ist nicht einfach einst Geschehenes; Geschichte ist das, was von der Vergangenheit in unserem Bewusstsein ist. Und Geschichte beschäftigt sich nicht nur mit der Vergangenheit als solcher, sondern untersucht, wie das Geschehene in unseren Kopf kommt, wie die Wirkungen des Vergangenen unser Selbstverständnis prägen.
Der Historiker Joachim Rohlfes schrieb dazu: "Mit dem Wissen, das sie hervorbringt und weitergibt, kann man weder die künftige Geschichte steuern noch die aktuelle Politik gestalten, weder verbindliche Lebensregeln gewinnen noch aus der Herkunft der Dinge ihren Fortgang prognostizieren. Ihre Wirksamkeit besteht vornehmlich in ihrem Vermögen, auf dasBewusstsein der Leute einzuwirken, ihnen Vorstellungen und Gedanken Dimensionen zu erschließen, die in der bloß gegenwärtigen Erfahrung nicht zu finden sind." (Joachim Rohlfes, Geschichte und ihre Didaktik, Göttingen 1986, S. 9) Die Öffnung des eigenen Verstehenshorizontes über die „bloß gegenwärtige Erfahrung“ hinaus betrifft neben der zeitlichen Dimension von Geschichte auch ihre räumliche; Weltgeschichte ist im Zeitalter der Globalisierung unerlässlich. Die Fachschaft Geschichte des Theodor-Heuss-Gymnasiums trägt dem durch sein Schulcurriculum Rechnung, das immer wieder den „Blick nach außen“ wendet.
Der Geschichtsdidaktiker Michael Sauer merkte an, dass alle "Versatzstücke und Verwendungen von Geschichte unserer Alltagswelt" sich mit "dem Begriff Geschichtskultur" fassen ließen: "Sie prägen unsere historischen Kenntnisse, Vorstellungen und Urteile - unser Geschichtsbewusstsein. Nur der Mensch ist in der Lage, langfristig Erfahrungen zu sammeln, zu tradieren, auf die Gegenwart zu beziehen, sich selber, seine Mitmenschen und seine Welt als geschichtlich wahrzunehmen: Geschichtsbewusstsein - in welcher Form auch immer - ist eine Eigentümlichkeit und ein Wesensmerkmal des Menschen." (Michael Sauer, Geschichte unterrichten. Eine Einführung in die Didaktik und Methodik, Seelze-Velber 2001, S. 9)
Für Geschichte als Schulfach bedeutet dies, dass zum ersten Grundwissen vermittelt wird, das Orientierung in Raum und Zeit ermöglicht. Und das muss tatsächlich auswendig gelernt werden. Zum zweiten geht es darum, dass die Schülerinnen und Schüler lernen, die Überreste aus der Geschichte sorgsam zu befragen; deshalb historisches Methodenlernen als wichtiger Bestandteil des Methodencurriculums am Theodor-Heuss-Gymnasium. Und drittens sollen die Jugendlichen erkennen lernen, dass Geschichte stets Rekonstruktion ist, ein mehr oder weniger reflektiert hergestelltes Konstrukt, mehr oder weniger reflektiert wahrgenommen.
Schülerinnen und Schüler, so die "Leitgedanken" des baden-württembergischen Bildungsplanes von 2004, "sollen sich die Standort- und Zeitgebundenheit des Lebens und Denkens bewusst machen, sich mit alternativen Handlungsmöglichkeiten in der Geschichte auseinander setzen, Perspektiven gewinnen, ihre Urteilsfähigkeit schulen und ihre Zukunft gestalten lernen." (Stuttgart 2004, S. 216) Wenn Geschichte in der Schule wenigstens einen Beitrag dazu leisten kann, dass junge Menschen durch die Beschäftigung mit der Vergangenheit sich über ihre Gegenwart verständigen und so zukunftsfähig werden, dann ist viel erreicht.
Volker Habermaier